Zwischendurch: Krise

Eine beliebte öffentliche Meinung zur Finanz- und Wirtschaftskrise ist zur Zeit, dass die Deregulierung der Märkte eine der Hauptursachen für den Zusammenbruch war und ist. Kapitalismuskritik ist zur Zeit en vouge wie selten zuvor. Als schönes Beispiel dieser Beitrag aus der Sendung “Plus Minus”:

Diese Argumentation klingt zu einfach? Ist sie wahrscheinlich auch. Auf der Internet-Seite des Cicero gibt es einen interessanten Beitrag (vom Nov 08), der einige populistischen Thesen hinterfragt und versucht die “wahren” Ursachen zu bennen.

Fünf Trugschlüsse der Finanzkrise

Folgende Thesen werden dort bearbeitet:

  1. Ein entfesseltes Investmentbanking hat die Krise ausgelöst. […]
  2. Der Neoliberalismus hat grandios versagt. […]
  3. Amerika wird nach dieser Krise strategisch geschwächt bleiben. […]
  4. Schon vor dem Crash war der Aufschwung nicht unten angekommen. Die Armen werden immer ärmer.
  5. Die Globalisierung vernichtet Arbeitsplätze und der Sozialstaat wird seit Jahren geschröpft.

Sicherlich sind die dort gegeben Antworten nicht “unstreitbar”. Erfahrungsgemäß werden vor allem, die Antworten auf die letzten beiden Thesen vielen aufstoßen. Alle Argumente habe ich auch nicht verstanden, ich finde es aber wichtig das Problem zur Abwechslung auch aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Unbedingt lesenswert.

Ebenfalls immer wieder gut und abwechslungsreich ist der Schwerpunkt der ZEIT und hier im Besonderen die Chronik der Krise. Tobias

Advertisements

2 responses to “Zwischendurch: Krise

  1. Wichtig ist eine Gegendarstellung zum Bankenbashenden Mainstream der dt. Medienlandschaft zweifellos. Der Versuch, fünf gängige Thesen zu widerlegen, gelingt meines Erachtens auch recht anständig. Zum Teil mag dies jedoch auf die harsche Formulierung der Aussagen zurückzuführen sein. Derart pauschalisiert sind sie natürlich unhaltbar, auch wenn an einigen mehr als nur ein Körnchen Wahrheit sein mag. Ich bin mir relativ sicher, dass dies auch vielen bewusst ist, die diese Aussagen – sei es aus Kalkül oder bloßer Bequemlichkeit – unreflektiert verwenden.

    Ein paar Anmerkungen zur Ausführung:

    Zu 1 und 2: Über nun wetternde Politiker und Verfehlungen staatlicher Organe muss man wohl nicht diskutieren. Vergessen darf man aber ebenso wenig, dass die Niedrigzinspolitik der Fed über Jahre zwar ein in der Wissenschaft kontrovers diskutiertes, aber eben auch begründetes Vorgehen war. Eine Senkung des Leitzinssatzes zur Erhöhung von der Investitionen (das berühmte “ankurbeln der Wirtschaft”) ist zunächst einmal ein makroökonomisch probates Mittel und zielte schließlich nicht auf eine Gewinnmaximierung des Bankengewerbes, sondern auf eine Verbesserung der schwierigen (USA) bzw. desaströsen (Japan) Situation der gesamten Volkswirtschaft. Ausserdem wird suggeriert, die Fed hätte durchgängig seit Januar 2001 mit extrem niedrigen Zinsen operiert. Das ist schlicht und ergreifend falsch, allerhöchstens eine tendenzielle Aussage wäre vielleicht haltbar.
    Im Nachhinein kann man wohl von einer verfehlten Zinspolitik sprechen und diese als sehr wahrscheinlichen Auslöser der Krise identifizieren. Mit ihrem einseitigen Erklärungsansatz machen es sich die Autoren jedoch etwas einfach. Weltwirtschaftliche Zusammenhänge sind wesentlich komplexer und die gängigen wissenschaftlichen Modelle eben nicht mehr als das und erfassen die Komplexität der Materie oft nur unzureichend.
    Letztendlich existiert unabhängig von der Frage der Schuld ein Unterschied zwischen gewinnoptimierenden Verhalten und bewusstem Auslagern von fragwürdigen Bilanzposten zwecks Umgehung nationaler Kontrollgremien und positivem Recht.

    Zu 3: Relativ gesehen mag der Status gleich bleiben, doch interessiert den einzelnen US-Bürger erstmal doch nur der absolute Wert und nicht der Vergleich mit dem Rest der Welt und (erst Recht nicht Meck-Pomm :P). Noch weniger dürfte der berühmte “kleine Mann” auf theoretische Gewinne in 40 Jahren geben und damit meine ich nicht bloß die subjektive Ebene, sondern schlicht den Alltag mit Lebenshaltungskosten usw.
    Die verwendeten Zahlen sind schließlich auch keine unumstößlichen Fakten, sondern Schätzungen.
    Hier picken sich die Autoren für meinen Geschmack zu sehr die Rosinen heraus, die ihre These stützen.
    Die prinzipiell größere Robustheit der US-Wirtschaft gegenüber Neuverschuldungen vor allem im Vergleich mit dem Bevölkerungsschwund in der BRD möchte ich allerdings nicht anzweifeln.

    Zu 4: Das Ricardianische Modell der komparativen Kostenvorteile ist nicht gleichbedeutend mit “produziert wird dort, wo es am günstigsten ist”. Wäre dem so, wären viele Nationen vermutlich von Welthandel ausgeschlossen. Auch bei noch so geringen Lohnkosten wäre die Einzelproduktion von…äh… sagen wir halt nepalesischen Gebetsmühlen wohl niemals günstiger als eine Fließbandproduktion nach westlichen Standard. Entscheidend ist das wort “komparativ”, man betrachtet Produtionskosten in Relation bzw. Opportunitätskosten.
    Hier wird einfach die Perspektive des Einzelunternehmers mit der gesamtwirtschaftlichen verwechselt und der Begriff falsch verwendet.

    Ansonsten haben wir hier wieder das gleiche Problem von relativer vs. absoluter Statusveränderung. Das ist eine ewig alte Diskussion in der Gleichheits- und auch Gerechtigkeitsphilosophie. Ein “Richtig” oder “Falsch” existiert hier nicht, es geht ausschließlich um die persönliche Überzeugung.

    Gut, das ändert natürlich wenig an der Unsinnigkeit, Freihandel abzulehnen. Intelligente Globalismuskritiker leugnen die Vorteile offener Märkte im allgemeinen auch nicht. Das kann man halt nur dem durchschnittlichen attac-demonstranten kaum verklickern (um auch mal zu pauschalisieren^^).

    Zu 5: Wie auch in 4 grob die Krugmannsche Schiene, an der ist wenig auszusetzen. Soll ja recht clever sein, der Mann :P
    Der vollständigkeit halber sei aber erwähnt, dass es auch genug Ökonomen gibt, die den Einfluss von Kündigungsschutz, Gewerkschaften und anderen Ausprägungen der “verkrusteten Struktur” des dt. Arbeitsmarktes für vernachlässigbar erachten.
    Die Wahrheit liegt wie üblich vermutlich mal wieder irgendwo in der Mitte.

    Fazit: Der Artikel ist in Ordnung. Die Argumentation ist erstmal schlüssig, wenn auch recht einseitig. Etwas mehr Differenziertheit wäre wünschenswert, aber letztendlich muss man diesen Vorwurf ja praktisch jedem journalistischen Beitrag zu dem Thema machen.

    Auf jeden Fall war es nicht uninteressant, ihn zu lesen. Danke dir dafür, auf ihn Aufmerksam gemacht zu haben :)

  2. Mischa, danke für die ausführliche Analyse des Artikels! Das wäre mit meinem Halbwissen nicht so gut von der Hand gegangen.
    Die Wahrheit liegt sicherlich in der Mitte! Ich fand es einfach wichtig endlich mal das (in diesem Fall natürlich ebenfalls bewusst provozierende) Bild der Gegenseite zu zeigen. Freut mich, dass ich da einen guten Aufsatz zu gefunden habe!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s